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„Ähnlicher als gedacht“

„Ähnlicher als gedacht“

Bericht über den Moscheebesuch

Mitten ins Gebet. Nun sind wir endlich, nach mehreren Widrigkeiten im Kölner Busverkehr, an der von außen sehr unscheinbaren und kaum als solche zu erkennenden VIKZ-Moschee in Nippes und damit unserem Zielort angekommen, für mich das erste nach vielen Jahren und insgesamt erst das zweite muslimische Gotteshaus in meinem Leben, das ich betreten sollte, und dann platzen wir mitten ins Abendgebet der Gemeinde hinein. Nicht nur, dass ich damit einen spannenden Einblick in die praktische Glaubenswelt des Islams verpasse, wir stören auch noch die anwesenden Gemeindemitglieder bei ihrer Religionsausübung! Ob wir da wohl noch einen freundlichen Empfang erwarten können?

Wenig später ist das Gebet beendet. Ein Vorstandsmitglied des Trägervereins begrüßt uns herzlich und bietet an, das Gebäude zu erklären. Von Ärger keine Spur. Das Angebot können wir dankend ablehnen, schließlich haben die muslimischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Führung durch die Moschee vorbereitet. Sie können uns christlichen Besuchern auch noch eine weitere gute Nachricht unterbreiten: Das nächste und letzte Gebet des heutigen Tages werde schon in weniger als zwei Stunden stattfinden, sodass wir doch noch in den Genuss eines Moscheegebets kommen würden.

Unsere Schuhe haben wir zu diesem Zeitpunkt schon ausgezogen. Eine Vorschrift, die mit der Heiligkeit des Ortes begründet wird, unterlegt durch ein Koranzitat, das wir Christen aus dem Buch Exodus kennen: Moses, der von Gott die Aufforderung erhält, seine Schuhe abzulegen. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass mir die zahlreichen Parallelen von Bibel und Koran vor Augen geführt werden. Zugleich merke ich, dass das Ausziehen der Schuhe nicht nur eine Geste des Respekts ist, sondern auch dazu führt, dass man sich wie zu Hause fühlt. Im Hause Gottes bin auch ich selbst daheim – eine schöne Vorstellung, die mir in christlichen Kirchen so noch nie gekommen ist.

Leise Zweifel, ob wir die Zeit bis zum Beginn des Gebets im doch relativ kleinen Gebetsraum überhaupt sinnvoll füllen könnten, verschwinden schnell. Die trotz der Tatsache, dass diese Moschee für uns alle neu war, sehr persönlichen und anschaulichen Erläuterungen der muslimischen Freunde lassen den Raum erlebbar werden und führen zugleich wieder vor Augen, wie viele Ähnlichkeiten es doch zwischen Christentum und Islam gibt: die Kanzel, von der aus die Predigt vorgetragen wird (im Christentum heute eher selten, hier noch immer praktiziert), die halbkreisförmige Gebetsnische, die an die Form eines Chorraums erinnert, ein vorgetragener Auszug aus Sure 19, der fast wortwörtlich der Verkündigung der Geburt Jesu an Maria aus dem Lukasevangelium gleicht. Zur Anschaulichkeit der Führung trägt ebenso bei, dass eine unserer Kursleiterinnen zwischendurch einen Wasserspender spielt, um die Erklärung zur rituellen Reinigung zu untermalen. Beeindruckend ist auch die Vielfältigkeit der Benutzung des Hauses: Eine Moschee ist nicht nur Gebets-, sondern auch Versammlungsort, hier treffen sich Menschen zum Austausch, und von einer zweiten, „säkularen“ Kanzel finden Vorträge zu weltlichen Themen statt. Das Gotteshaus – ein zentraler Dreh- und Angelpunkt des Lebens.

Gegen Ende der Führung kommt es dann zu einem Highlight des gesamten Seminars: Nach einer kurzen Einleitung über den Gebetsruf des Muezzins, dessen Wortlaut einem Gefährten des Propheten Muhammad im Traum überliefert wurde, stimmt Muhib eben diesen Ruf an. Ein wunderschöner Gesang, der nicht nur bei mir Gänsehaut auslöst und zu einer sehr spirituellen Erfahrung wird. Was es für die muslimischen Teilnehmenden bedeutet, diesen Ruf in islamisch geprägten Ländern laut in der Stadt zu hören und sich in die Entstehungszeit des Islams zurückversetzt zu fühlen, kann ich nur flüchtig erahnen. Mir als Christen würde es jedenfalls nichts ausmachen, diese Gebetsankündigung von Zeit zu Zeit auch in Deutschland auf der Straße zu hören.

Schließlich beginnt das Abendgebet, zu dem sich auch mehrere weitere Gemeindemitglieder eingefunden haben. Dass sich fünfmal am Tag eine Gruppe Glaubender zum gemeinsamen Gebet in der Kirche versammelt, ist eine fast absurde Vorstellung, doch hier wird der gemeinschaftliche Glaube wahrhaft gelebt. Obwohl während der vorherigen Führung auch inhaltliche und formelle Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten sowie den verschiedenen Rechtsschulen deutlich geworden sind, können alle gemeinsam beten. Dies zeigt: Man muss weder alle Differenzen aus dem Weg räumen noch die Unterschiede zur Ursache für gegenseitigen Ausschluss machen, sondern die verschiedenen Wege zu Gott können auch parallel und in so vielen Fällen gemeinsam gegangen werden.

Der Besuch ist vorbei und ich ziehe meine Schuhe wieder an. Während wir uns bei der gastfreundlichen Moscheegemeinde und unseren kompetenten Moscheeraumführern bedanken, nehme ich mir vor: Es soll nicht wieder so lange wie beim letzten Mal dauern, bis ich erneut eine Moschee von innen zu sehen bekomme.

Jurek